PUNCTUM/STUDIUM

Die Bezeichnungen punctum/studium gelten als zentrale Begriffe in Roland Barthes‘ Buch „Die helle Kammer“. In ihrem dichotomischen Verhältnis definieren sie seine „mathesis singularis“ und begründen damit eine subjektzentrierte Fotografietheorie, die den Wert (und die Kunst?) der Fotografie im betrachtenden Subjekt konstituiert.

Ursprünglich im Lateinischen als „das Gestochene“ angelegt, bezeichnet der Begriff des punctums eine „kleine Stelle“, einen „sehr kleinen Fleck, Tupfen, oder Einstich“ und weist damit bereits auf die von Barthes verwendete Begrifflichkeit hin: er selbst bezeichnet es als „Stich, kleines Loch, kleiner Fleck oder kleiner Schnitt“ (vgl. Die helle Kammer, S.36). Daran wird deutlich, dass Barthes dem punctum keine eindeutige Definition zuspricht, sondern es vielmehr als etwas Indifferentes darstellt, dessen Differentialität erst in Abgrenzung zum studium sichtbar wird, mit dem es eine Art „zweiwertige Logik“ bildet.

So gründet das punctum nicht wie das studium auf dem allgemeinen bzw. „höflichen Interesse“ an einem Foto, sondern durchbohrt jenes als „Pfeil“ und hinterlässt an der Schnittstelle eine „Wunde“. In der Fotografie angelegte Informationen werden als Teil des studiums sichtbar und bahnen sich im Zuge der kulturellen Wahrnehmung den Weg ins Bewusstsein. Dagegen bildet das punctum einen unbewussten Stich, der von der Fotografie selbst und nicht vom „spectator“ ausgeht. Es bricht affektiv in die Welt des Betrachters ein und rückt jegliche informationellen Bezüge in den Hintergrund. Was an der Stelle des Einstichs bleibt, ist eine Betroffenheit, eine Emotion oder eine Sehnsucht (vgl. S.48, „Dort würde ich gern leben“). Bezeichnend stellt Barthes heraus, dass sich das punctum damit in der Kategorie des „to love“ und nicht des „to like“ (wie das studium) bewegt.

Als „Wurf der Würfel“ verwendet es Roland Barthes außerdem metaphorisch für die reine Kontingenz eines Bildes. Das punctum trifft den Betrachter zufällig, nicht steuerbar, in einer unbestimmten Form. Es folgt weder einer Moral noch gutem Geschmack und verschließt sich damit jeglichen Norm- oder Wertvorstellungen (vgl. S. 53, „die schlechten Zähne des kleinen Jungen“).

Im Kontext seiner „Bemerkungen zur Photographie“ liefert das Verhältnis aus punctum/studium die Beschreibung dessen, was Barthes anfangs das Erstaunen bzw. die Anziehungskraft der Fotografie nennt (am Beispiel Napoleons Bruder). Zugleich löst es den Begriff des „Abenteuers“ ab und schafft eine Klassifizierung einerseits rein analytischer und auf der anderen Seite zugleich subjektiver Wahrnehmungsmethoden, die die „Gesetze seines Verlangens“ (S. 69) begründen. Die Kategorisierung subjektiver und analytischer Wahrnehmung kann so als Teil der Grundlage einer Antwort auf den „ontologischen Wunsch nach dem Wesen der Fotografie“ (vgl. S.11) interpretiert werden, den er zu Beginn äußert.

Gleichzeitig kommt die (zur Diskussion freigegebene) Frage einer entstehenden Bilddialektik auf. Kann das punctum nicht, wie Walter Benjamin in seiner Schrift zum historischen Materialismus in einem geschichtlichen Kontext aufdeckt, als eine Art „Monade“ (vgl. Benjamin: Über den Begriff der Geschichte, S. 703) betrachtet werden, die die Wirkmächtigkeit eines Bildes in sich vereint und in Form einer expansiven, metonymischen Kraft wieder ausstößt? Die Grundlage dieser These liefert Barthes selbst, wenn er die Fotografie weder nur als Zeichen, noch als Medium begreift, sondern als „die [abgebildete] Sache selbst“ (Die helle Kammer, S.55). So wird, angeschlossen an die Frage einer entstehenden Bilddialektik, ein weiterer Aspekt sichtbar, nämlich der der Kunstschaffung. Im Zuge der expansiven Kraft des punctums und der analog verlaufenden Auflösung des Medien- und Zeichenbegriffs der Fotografie sieht Barthes den Beweis ihrer Kunst (S. 55, „hier weist die Fotografie wirklich über sich selbst hinaus: ist dies nicht der einzige Beweis ihrer Kunst?“). Wird das punctum so nicht zum Vertreter und eigentlichen Erschaffer von Kunst?

Davon ausgehend wäre jede rein auf einem studium basierende Fotografie kein Kunstobjekt und jeder Kunstwert würde erst der Zufälligkeit eines Bildes entspringen. An diesem Punkt deutet sich ein Widerspruch in Barthes‘ Argumentation an. Er konstituiert das punctum einerseits als rein kontingentes, kultur- und werteloses Etwas, spricht jedoch in seinen Bildanalysen im Bezug darauf von klar kultur- und sozialisationsbezogenen Aspekten. Dies wird deutlich, wenn er beispielsweise bezüglich André Kertész Fotografie „Der Wandergeier“ von den „kleinen Ortschaften“ spricht, durch die „[er] vor langer Zeit […] gekommen [ist]“ (S.58) und die ihn an vergangene Zeiten erinnern. Eine klare Trennung von studium und punctum scheint demnach schwierig, da der Übergang eines rein „höflichen Interesses“ zu einem „liebenswerten Bild“ letzten Endes undefiniert bleibt.

Ein weiterer ungeklärter Aspekt reflektiert eine womöglich duale Rolle der expansiven, metonymischen Kraft des punctums. Auf Basis Derridas Aussage zum „Diskurs einer Allgemeingültigkeit“ (vgl. Derrida: Die Tode von Roland Barthes, S.22) und seiner Projektion von Roland Barthes‘ Mutter (das punctum schlechthin) auf sich selbst, kann die Frage aufgeworfen werden, inwiefern die Expansionskraft des punctums neben der reinen Wirkmächtigkeit im Rezipienten zugleich die eines sozialisierenden Vorgangs beschreibt. Ist das punctum einer Fotografie nicht in gewisser Weise zwischenmenschlich „vermittelbar“ und ließe sich damit nicht ebenso ein gewisser Grad an intersubjektivem Interesse vermitteln, das ja bereits in der Objektivität der metonymischen Kraft angelegt zu sein scheint? Oder anders gesagt: Wird das gemeinsame Betrachten von oder Sprechen über Fotografien nicht zugleich deshalb zu einem sozialen Erlebnis, weil es getragen von einem intersubjektiven punctum die Grundlage jeder gemeinsamen Emotion darstellt?

Dies würde gleichsam die Kritik an Barthes‘ subjektivistischer Herangehensweise entkräften, da somit bereits ein gewisser Grad an intersubjektiver Sichtbarkeit in der Fotografie angelegt wäre und Barthes diese – wenn auch nicht explizit herausstellend – mit seiner unpräzisen Begriffsdefinition des punctums umschließt.

Die Kritik an Roland Barthes‘ subjektzentrierten Fotografietheorie gründet demnach insbesondere auf dem untrennbaren Begriffspaar punctum/studium, das diese erst konstituiert. Inwiefern Barthes‘ Theorie jedoch bereits eine zumindest intersubjektive Perspektive zulässt, bleibt offen und bietet einigen Interpretationsspielraum. Bezüglich des weiteren Seminarverlaufs könnte ein letzter Diskussionspunkt außerdem Barthes‘ Mutter als „das punctum schlechthin“ thematisieren und insbesondere auf die Frage eingehen, inwiefern seine vom Bild der Mutter ausgehende Argumentationslogik überhaupt legitim ist, wenn diese – basierend auf einer reinen Schriftlichkeit – dem Leser das punctum des Buches (Bild der Mutter) vorenthält.

Quellen:

Barthes, Roland: Die helle Kammer. Bemerkungen zur Photographie, Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag, 1989.

Benjamin, Walter: Über den Begriff der Geschichte, in: Rolf Tiedemann, Hermann Schweppenhäuser (Hg.): Walter Benjamin. Gesammelte Schriften, Bd. 1, Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag, 1990, S. 691-704.

Brockhaus: Enzyklopädie in 30 Bänden, Bd. 22, Leipzig/Mannheim: Brockhaus, 2006.

Derrida, Jacques: Die Tode des Roland Barthes, in: Fotogeschichte. Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie, Frankfurt a. M.: Starl, 1986, S. 11-26.

Leibbrandt, Anna/Sykora, Katharina (Hg.): Roland Barthes revisited. 30 Jahre »Die Helle Kammer«, Köln: Salon-Verlag, 2012.

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2 Antworten zu PUNCTUM/STUDIUM

  1. kathrinperscheid schreibt:

    In Kapitel 39 spricht Barthes auch vom punctum der Zeit, der Verschränkung des „das wird sein“ und des „das ist gewesen“ (S. 106). Wenn es einen Unterschied gibt zwischen Fotos, deren Referent bereits tot ist und solchen, deren Referent noch lebt, und wenn in letzteren dieses punctum der Zeit nicht enthalten ist, tritt es dann mit dem Tod des Referenten zum Bild hinzu? Entsteht das punctum sozusagen durch den Tod des Abgebildeten?

  2. kathrinperscheid schreibt:

    Und kann es beide punctums (das des Details und das Zeit) gleichzeitig in einer Photographie geben?

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