eidolon

Eidolon stammt aus dem griech. είδωλον; lat. idolum, was so viel wie Bild, Abbild, Trugbild bedeutet.

Der Begriff kann unterschiedliche Bedeutungen haben. Zum einen steht die Bezeichnung für ein unterlebensgroßes Bildnis. In der griechischen Mythologie, besonders bei Homer, bezeichnet eidolon ein Trugbild, vor allem aber die Seele eines Verstorbenen im Hades (das eidolon ist hier körperlos, hat aber die Gestalt des Lebenden). In der bildlichen Darstellung wird es häufig geflügelt und miniaturisiert gestaltet. Nach Platon ist eidolon der Abbdruck der ersten Wahrnehmung im Bewusstsein, der ein Wiedererkennen gewährleistet. Mit Hilfe von Name, Definition und eidolon gelangt man zur Erkenntnis eines Gegenstandes. Epikur verstand unter eidolon atomare Abbilder, die von einem Objekt ausgehen und seine Wahrnehmung und Erkenntnis ermöglichen. In der jüdischen und christlichen Terminologie bedeutet eidolon „Götzenbild“.

Eidolon wird tendenziell mit einem negativen Wertakzent versehen. Die eidola – so die Vorstellung – sind ihrer Substanz beraubt, gleichsam bloße Oberfläche und fallen damit dem Verdacht anheim, schatten- und scheinhaft und so potentiell trügerisch zu sein.

Roland Barthes versteht die Fotografie als „eine Art kleines Götzenbild, vom Gegenstand abgesondertes eidolon“ (Barthes, S. 17). Durch die Fotografie verwandelt sich der Fotografierte schon vor dem Kameraobjektiv, und nicht erst als Bild, zum Objekt und wird somit zu einem anderen. Der Fotografierte lässt bei dem Fotografieren zu, sich von einer blicklosen Linse festhalten zu lassen. Dies bedeutet, dass die Blicke, die er der Linse zu wirft von ihr nicht erwidert werden. Durch die Fotografie wird dem Fotografierten seine Sterblichkeit vorgeführt, denn für Barthes ist das Fotografieren mit dem Tod und dem Vergangenen behaftet. Barthes sieht die Fotografie als eine Erfahrung „im kleinen Ereignis des Todes“ (S. 22). Er wird durch die Fotografie „wirklich zum Gespenst“ (S. 22). So ist der Fotografierte, also der Referent, im Augenblick des Fotografiert werdens ein eidolon, also ein Schattenbild, ein Trugbild aus dem Totenreich. Die Fotografie ist als eidolon körperlos, erscheint aber in der Gestalt des Lebenden und ist mit dem fotografierten Objekt untrennbar verbunden.

Quellen:

Barthes, Roland (1989): Die helle Kammer. Bemerkungen zur Photographie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Därmann, Iris (1995): Tod und Bild. Eine phänomenologische Mediengeschichte. München: Fink, S. 405f., 422.

Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike. (1997), hrsg. von Hubert Cancik und Helmuth Schneider. Stuttgart: Metzler, S. 911.

Scholz, Oliver R. (2004): Bild, Darstellung, Zeichen. Philosophische Theorien bildlicher Darstellung. Frankfurt a. M.: Verlag Vittorio Klostermann, S. 10f.

 

 

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